Es ist schon seltsam! Da wurde uns über Jahrzehnte eingetrichtert, “wir” dürften uns nicht unserer Nation erfreuen und dann bringt das Sommermärchen 2006 die Wende. Gewissermaßen die geistig-moralische, die unser aller Kanzler Helmut Kohl zwar proklamiert, aber nie hinbekommen hat….
Gestern Abend nun haben “wir” Ghana besiegt. Gott sei Dank nicht auf dem Schlachtfeld, sondern nur auf dem Platz. Johannesburg als Symbol der wieder erstarkten Nation oder so. Wahrscheinlich sind wir 2010 endlich ausreichend weit weg vom kollektiven Schuldbewusstsein, das uns diese egozentrische Toskana-Truppe – vulgo 68er – über Jahre versucht hat einzutrichtern. Denn: Warum dürfen wir, ja wir ohne Anführungszeichen, nicht stolz sein auf “unsere” Jungs? Da hat ein Türke ein Traumtor geschossen und dieser Türke ist ein Deutscher, geboren in der Multi-Kulti-Gesellschaft Bundesrepublik Deutschland. Ein Land, das den Adenauer-Mief, die Verlogenheit nach 1949, längst abgelegt hat. Ein Land, das sich zu Recht die einzige Metropole – okay neben HH und M – zur Hauptstadt gewählt hat als Symbol dafür, dass die Bonner Republik endgültig vorbei ist, dass Deutschland die Schuld des 2. Weltkrieges wenn auch nicht getilgt, sondern zumindest verarbeitet hat.
Was wurden wir, die Generation Golf, nicht getriezt von diesen seltsam ideologisch verklemmten 68ern? Ich erinnere mich mit Grausen an Deutschlehrer in der 7. Klasse meines Gymnasiums, die uns zwangen, das “Lesebuch” (hab´ich noch heute: blauer Einband, Broschur, ca. 200 Seiten) zu lesen und diese obskuren Artikel / Storys / Ergüsse dann auch noch im Sinne diese Pauker interpretieren zu müssen. Und wehe, man hat nicht die linksextremistische (sorry, aber so sehe ich es) Auffassung der Autoren und des Lehrers geteilt: dann gab es eine 5 und gut war. Da kam es nicht auf Rechtschreibung, Grammatik oder Ausdruck an – wichtig war, ob man die politische Einstellung seines Paukers traf. Wenn nicht, wenn man – in dem Fall ich – eine eigene Meinung vertrat, eine an Logik aufgebaute Argumentationskette zu Papier brachte und wagte, die Intention des Autors in Frage zu stellen, dann hatte man verloren. In der 8. Klasse wurde es auch nicht besser! Der Pauker der 7. war längst weg (hatte eine angehende Abiturientin gefö… und wurde der Schule verwiesen), der nächste Pauker durfte sich an uns versündigen. Dieses Mal eine Frau. Das war um 1978/79 – also ungefähr zu dem Zeitpunkt, zu dem sich die Ökos so langsam formierten und die Grünen gründeten, diese damals höchst fundamentalistische Truppe von Weltverbesserern – als wir diese Pädagogin aufgedrückt bekamen. Auch diese Lehrerin zwang uns zu den seltsamsten Dingen: So mussten wir uns auf den – dreckigen natürlich, schon damals steckte der Staat zu wenig Geld in die Ausbildung seiner Kinder – Fußboden des Klassenraums setzen und uns gegenseitig anfassen. Nicht einfach an die Hände oder umarmt an die Schultern. Nein, wir sollten uns gegenseitig an / in die Haare fassen, um so den / die andere besser spüren zu können. Mit 14 oder 15 Jahren will man gewiss seine Mitschülerin spüren, ihr aber doch nicht die Haare ausreißen… Und überhaupt, meine Haare haben keine Nerven und das Reißen an denselbigen löst höchstens Schmerz aus! Wir taten es also, das Setzen auf den dreckigen Fußboden und das gegenseitige Reißen an den Haaren der Mitschüler und gackerten und schämten uns bis zum geht nicht mehr. Diese Öko-Tante in den selbst gestrickten stinkenden Wollklamotten mitten drin. Wenn ich das Foto finde, das damals einer von uns gemacht hat, dann poste ich es hier. Zum Beleg dieser Grausamkeit…
Da ich die 7. Klasse (freiwillig; mein Englisch war grottenschlecht, da in der 5. und 6. Klasse der Unterricht ständig ausfiel und ich / wir nichts lernten; meine Eltern meinten aber, Englisch müsse sein und daher die Ehrenrunde) wiederholt hatte, avancierte ich zum Anführer des Widerstands gegen diese Lehrerin: Ich stachelte (damals Klassensprecher; Sprecher war ich wohl schon immer…
) die anderen auf, als uns diese Öko-Schlampe (sorry, aber diese ungepflegte Tante mit ihren fettigen Haaren war eine) nötigte, ein Gedicht von Ilse Eichinger (http://de.wikipedia.org/wiki/Ilse_Aichinger ) zu lernen und am nächsten oder übernächsten Tag aufzusagen….
Die Auswahl traf dann ich: “Herbst” von I.E. Wenn ich mich recht erinnere, dann geht das so: “Herbst. Herbst von Ilse Eichinger. Es knospt. Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.”
Dieses Gedicht hat dann die gesamte Klasse gelernt. Und jede / jeder hat es aufgesagt, als er / sie an der Reihe war. Die Öko-Tante tobte, konnte aber nichts machen. Und wir haben uns gekugelt vor lachen. Schüler-Rache kann manchmal so herrlich subtil sein.
Aber zurück zu Deutschland und der deutschen Elf: Wenn ich jetzt in der britischen Presse lese, dass die deutschen Panzer anrollen, dann könnte ich kotzen. Da rollen keine Panzer, da wird keine Schlacht geschlagen! Es geht nur um ein Spiel von zig Millionären in den jeweiligen Nationaltrikots. Und ich wünsche dieser jungen Truppe schlicht und einfach viel Erfolg beim nächsten Spiel. Auf dass sie weiterkommen oder zumindest einen begeisternden Fußball spielen, der mitreißt, der mitfühlen lässt, der diese auseinander driftende Nation zumindest für den Moment ein wenig eint. Dann darf es auch schwarz-rot-geil sein. Oder eben “schland”… (Lena Lied auf Deutsch!)
Bis zum nächsten Mal!